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„Cochläus versus Spalatin“ - Luthers Freund und Feind im Dialog

Die Auftaktveranstaltung der Kunigunde-Creutzer-Festspiele kam hervorragend. Der Saal des Martin-Luther-Hauses war voll besetzt, es mussten sogar noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden. Dr. Jörg Ruthrof aus Wendelstein und Martin Burkert aus Spalt drehten die Zeit um 500 Jahre zurück. In einem fiktiven Gespräch erzählten Cochläus (Ruthrof) und Spalatin (Burkert) von sich und ihrer Zeit, in der die Reformation zu tiefgreifenden Umwälzungen führte. Spalatin (Luthers Freund) und Cochläus (Luthers Feind) waren zwei Persönlichkeiten, die aus dem heutigen Landkreis stammten: Cochläus aus Raubersried und Spalatin aus Spalt.


Es war kein Streitgespräch über Religion, sondern eine lockere Unterhaltung, in der Cochläus und sein Widerpart Spalatin im Wechselgespräch Rückschau hielten auf ihr bewegtes Leben, das geprägt war von Martin Luther und der Reformation. Der Ton war freundlich und von gegenseitigem Respekt geprägt. Schon der  freundschaftliche Händedruck zu Beginn zeigte, dass sich Cochläus und Spalatin nicht feindlich gegenüber standen, sondern bereitwillig einander zuhörten und den Zuhörerinnen und Zuhörern ihr Leben im Schnelldurchgang erzählten.


190317 Presse Cochläus versus Spalatin 3, 17.03.2019 FotosUnterburger

Foto: Robert Unterburger


Ein solches Gespräch hat es vermutlich nie gegeben. Beide waren jedoch beim Reichstag 1530 in Augsburg anwesend, jeweils auf entgegengesetzer Seite. Jörg Ruthrof und Martin Burkert verstanden es auf unterhaltsame und entspannte Weise, die vielen Zuhörerinnen und Zuhörer mit zwei bedeutenden Personen der Reformation vertraut zu machen.


Herkunft, Schul- und Universitätsbildung

Zunächst sprachen die beiden über ihre Herkunft sowie ihre Schul und Universitätsbildung.


190317 Kuni Vortrag (2) Cochläus


Cochläus wurde als Johannes Dobeneck 1479 in Raubersried geboren. Die Familie Dobeneck saß schon seit 1350 auf dem „Freihof“ des Dorfvorstehers in Raubersried, „wo man heute gutes Brot kaufen kann“, wie Jörg Ruthrof schmunzelnd bemerkte.


Die Familie Dobeneck hatte vier Kinder, die Mutter starb 1490. Die Söhne kamen zur
Schulausbildung zum Onkel nach Pfarrkirchen. Später führte Johannes Dobeneck Klage über eine „nicht kindgerechte“ Schulzeit beim Onkel. Er habe nur Psalmen und Bibeltexte auf lateinisch gelernt, ohne vorher die Grammatik gekannt zu haben. Positive Erinnerungen hatte er dagegen an die Mutter.


Die weitere Schulzeit verbrachte er in Nürnberg „eher im Dunkeln“. Dies lag wohl vor allem an der Nürnberger „Dichterschule“, wo er nur das machte, „was ihm Freude machte“, nämlich antike Texte über Naturwissenschaften, historische Literatur und klassische Dichtung zu lesen. Schon zu dieser Zeit hatte Dobeneck engen Kontakt zur Patrizierfamilie Pirckheimer, vor allem Johann Pirckheimer, der Vater von Willibald Pirckheimer, förderte ihn.


1503 wurde der 24-jährige Dobeneck an der Universität Köln immatrikuliert. Wegen seiner fehlenden Unterlagen, die er zum Studium hätte haben müssen, half ihm Johann Pirckheimer, dass er sich doch immatrikulieren konnte. Bis 1505 absolvierte Dobeneck ein „Studium Generale“, dann wurde er „Bacchelarius“ und 1507 wurde er „Magister“. 1507  begann er ein Theologiestudium in Köln.


In seiner Kölner Zeit gaben ihm die Kommilitonen den Namen „Cochläus“, abgeleitet von
Wendelstein als Heimatpfarrei (cochlea = Wendelschnecke). Er hätte sich aber lieber selbst den Namen „Wendelstinus“ zugelegt. Danach war Cochläus Tutor und ab 1509 „Jungdozent“, der Studenten unterrichtete.


Beruf
Anschließend stellten Cochläus und Spalatin ihre berufliche Tätigkeit vor. Cochläus erhielt
1510 den Ruf nach Nürnberg; er kam als Rektor an die Lateinschule von St. Lorenz. 1515
übernahm er die Betreuung der zwei Neffen von Willibald Pirckheimer bei deren Studium in Italien. Cochläus selbst begann 1516 dort nochmals ein Theologiestudium und machte in Ferrara seinen Doktor. 1517 ging er nach Rom und studierte dort Kirchenrecht.

1518 bekam Cochläus eine Dekanstelle an der Liebfrauen in Frankfurt. Wegen eines Pestausbruchs 1518/19 blieb er in Nürnberg.


Verhältnis zu Luther
Als nächste Frage wandten sich Cochläus und Spalatin der Frage zu: Welches Verhältnis
hatten sie zu Luther? Schon 1517/18, nach dem Erscheinen der ersten Schriften Luthers, wandte sich Cochläus schon vorsichtig gegen einen zu harten Reformkurs Luthers, ohne dass er sich als dessen Feind sah. Beim Vorstoß Luthers 1518, ein Kirchenkonzil zur Reform der Kirche einzuberufen, gab es ein Lob von Cochläus für Luthers „Mut und echt deutsche Worte“, zugleich schrieb er einen Mahnbrief an ihn, nicht noch mehr „Öl ins Feuer zu gießen“.


1519 sah Cochläus „das erlaubte Maß an Kritik“ Luthers doch überschritten und bekannte sich bewusst zur „alten Kirche“ und damit gegen Luther. Als Luther 1520 die päpstliche Bannandrohung verbrannte, schrieb Cochläus ein Manifest, in dem er davor warnte, Deutschland drohe in Bälde Aufruhr, Barbarei und den Bruch der Einheit von Staat und Kirche. Cochläus, der anfangs mit den Ideen Luthers sympathisiert hatte, wurde sein scharfzüngiger Gegner.


„Ich habe immer versucht, den Martin Luther zu mäßigen, aber er war ein Heißsporn“, erklärte Spalatin, „Luther hat viel Gutes gesagt, aber er hat nicht nach links und rechts geschaut.“ Als Luther für vogelfrei erklärt wurde, war es Spalatins Idee, ihn nach einem Scheinangriff auf der Wartburg zu verstecken.


Auch über den Zölibat unterhielten sich die beiden. Spalatin zitierte Luther, der sagte, der Zölibat sei aus Machtgründen eingeführt worden. „Ihr seid nicht gebunden an das Gelübde der Ehelosigkeit“, so Martin Luther. Das kam Spalatin, dem langjährigen Freund Luthers, sehr gelegen. Konnte er nun doch seine geliebte Katharina, die er in Altenburg kennengelernt hatte, heiraten. Spalatin übernahm die Stelle des evangelischen Pfarrers in Altenburg.



190317 Kuni Vortrag (1) Spalatin


Nach ihrer Zeitreise in die Zeit vor 500 Jahren „katapultierten“ sich „Cochläus“ und „Spalatin“ in das Jahr 2019 und man unterhielt sich abschließend über die Ökumene. Die beiden begrüßten es, dass es ab den 1960er Jahren keine Konfessionsschule mehr in Wendelstein gibt und dass die beiden christlichen Kirchen immer mehr zusammenarbeiten. „Die Ökumene fällt auf einen fruchtbaren Boden, weil die Leute eh an nichts mehr glauben“, lautete die provokante These von „Spalatin“, „insgesamt ist es bedauerlich, dass wir uns zu Lebzeiten so gefetzt haben.“

Bericht: Robert Unterburger

Letzte Änderung: 28.05.2019 16:51 Uhr